Einer für alle – one for all

Wenn du am Sonntag meinen Mann mit einem Spieß bewaffnet durch unser Dorf Rödles laufen siehst, könntest du dich fragen, was das zu bedeuten hat. Am kommenden Sonntag ist er Spießträger – ein Job, der in unserem Dorf schon sehr sehr lange von den Männern – und nur von den Männern – ausgeübt wird.

Vermutlich stammt dieser Dienst aus Zeiten, in denen man die Häuser nicht abschloss und in denen allerlei Gesindel sein Unwesen trieb und die Tatsache ausnutzte, dass sonntags alle Dorfbewohner in der Kirche waren.

Was tat also der Spießträger?

Er spazierte durch‘s Dorf und hatte ein Auge auf alles, was ungewöhnlich war. Neben der Bewachung der üblicherweise offenstehenden Häuser und der Abschreckung von Räubern war er jedoch hauptsächlich als Feuermelder im Einsatz. Früher waren offene Feuer in den Küchen, und die Gefahr eines Brandes war ziemlich hoch. Der Spießträger ging also in die Häuser hinein und überprüfte die Feuerstellen. Hin und wieder hat er sicher auch ein Scheit Holz nachgelegt, damit das Feuer nicht ausging.

Auch in die Ställe durfte und sollte der Spießträger gehen. Es ist überliefert, dass einmal ein Bauer vom Spießträger aus der Kirche heimgeholt wurde, weil die Kuh im Stall Probleme beim Kalben hatte und der Bauer zu Hilfe kommen musste.

Selbst der Bürgermeister hat des öfteren die Dienste des Spießträgers in Anspruch genommen und ihn gebeten, nach dem Gottesdienst die Leute aufzuhalten, damit jeder hören konnte, was er zu sagen hatte, z. B. dass das Waschhaus gestrichen werden muss oder andere gemeinschaftliche Aufgaben erledigt werden sollten.

Man könnte meinen, dass ein so alter Brauch ziemlich überflüssig ist, aber in Rödles wäre in den 50er Jahren ein Haus sicherlich abgebrannt, hätte der Spießträger nicht den Brand entdeckt und die Leute zum Löschen aus dem Gottesdienst geholt.

Der Spießträger trägt übrigens den Spieß mit der Spitze nach unten auf seinem etwa einstündigen Rundgang – vom Beginn bis zum Ende des Gottesdienstes eben. Und am Ende der Runde wird der Spieß zum nächsten männlichen Nachbarn gebracht. Du erinnerst dich, wir Mädels dürfen den Spieß nicht tragen. Und wenn sich auch die etwa 200 Einwohner unseres schönen Dorfes einig sind, dass der Brauch eigentlich in dieser hektischen und digitalen Zeit überholt ist, wird der Spieß Woche für Woche von Haus zu Haus getragen und unsere Männer machen ihren Rundgang. Dabei ist es egal, wieviele Besucher der Gottesdienst zählt.

Ich bin gespannt, was mein Mann alles Neues entdecken wird auf seinem Rundgang am Sonntag.

Gibt es dort, wo du wohnst, auch alte Traditionen, die bis heute gepflegt werden? Schreib mir darüber in die Kommentare.

Kurzer Nachtrag: ich hatte ganz vergessen zu erwähnen, dass es den Spießträger in unserer Gegend nur noch in unserem und zwei Nachbardörfern gibt.

Der Spieß – The Pike

If you see my husband walk through our village Roedles next Sunday with a pike in his hand, you might ask yourself, what that means. He‘ll be a pike carrier next Sunday – a job that‘s been performed by the men – and only by the men – for a long time.

Most likely this duty dates back to the time when you didn‘t lock your house and when all sorts of shady characters were up to mischief and took advantage of the fact that all villagers were in church on Sunday.

So what did the pike carrier do?

He walked through the village and kept a wary eye on anything unusual. Besides watching over the usually unlocked houses and scaring away thieves, his main task was being a fire detector. In old times kitchens had open fire places and the danger of a fire was rather high. So the pike carrier went into the houses to check the fireplaces. Every now and then he might even have put a piece of wood into the fire to keep it burning.

The pike carrier also could and should go inside the stables. It is recorded that once a farmer was called out of church by the pike carrier to go home because the cow in the stable had problems calving and the farmer had to help.

Even the mayor used the pike carrier‘s service every so often and asked him to stop the villagers after church so everybody could hear what he had to say, e.g. that the washhouse had to be painted or other communal tasks had to be accomplished.

You could think that such an old custom is a waste, but in the 50s a house in Roedles certainly would have burned down if the pike carrier hadn‘t discoverd the fire and called the people out of church to quench the fire.

After all the pike carrier carries the pike upside down on his patrol – about an hour from beginning to the end of the church service. And at the end of the tour the pike will be taken to the next male neighbor. You remember, we girls are not allowed to carry the pike. Even though the approximately 200 inhabitants of our beautiful village agree on this custom being outdated in this hectic and digital time, the pike is being taken from house to house, week by week and our men go on patrol. It doesn‘t even matter how many people go to church.

I‘m curious about how many new things my hubby will discover on his patrol.

Do you also have old traditions which are still kept alive where you live? Write about them in the comment section below.

Short addition: I totally forgot to mention that in our area the pike carrier only still exists in our village and two more neighboring villages.

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